Haram Hanna

Kurzgeschichten > Clara Lohss

Haram Hanna

Ich kann alles genau betrachten, die graue Zigaretten-Stopfmaschine, um die der Resttabak verteilt liegt wie die Spuren einer Rasur, den Wald aus Pfandflaschen hinter dem IKEA-Schrank, ihn, Mikrokosmos im Makrokosmos, seine unregelmäßig weit voneinander entfernten Barthaare, die Poren in seiner Nase, zwischen denen ich vereinzelt schwarze Härchen sprießen sehe. Die zwei dunkelbraunen Kreise hinter seinen langen Wimpern, die mich ansehen, als wäre ich von besonderem Wert.
Ich kenne die getrocknete Wunde in seinem linken Daumen, die seiner eigenen Langeweile zu verschulden ist. Zu viel Zeit, Geistesabwesenheit, kein Recht auf Arbeit. Dann der Brief vom Bundesamt. Die ständigen Telefonate mit seinem Vater. Ich sitze still daneben und versuche, mir einzelne Silben einzuprägen. Arefet.
Er reicht mir das arabische Brot mit Öl und Saatar und ich bedanke mich: shukran.
Ahlan w sahlan, sagt Damir, in seinem Kopf steht es in arabischen Schriftzeichen geschrieben, ich bin sicher. Noch zwei Tage bis zu seinem Deutschkurs.
Ich denke an das Zimmer seines Bruders, der weiter wartet. An die Enge, den Kleiderschrank mit der überfüllten Schuhablage, das Bett voller Klamotten, den schwarzen, alten Fernseher auf dem kleinen Kühlschrank und an die drei Shishas auf der Fensterbank.
Zwischen den Bodenpolstern ein Aschenbecher und ein kleiner Kochtopf, daneben das Häufchen Eierschalen wie aus dem Nest gefallen.
Hinter den Fenstern die dunklen Stämme vor dem endlosen, weißen Berliner Himmel.

Er begleitet mich in seinen Badelatschen über die Straße zur Bushaltestelle. M45 Richtung Zoo, vier Stationen bis Rathaus Spandau, dann U7, dann U3.
Bis morgen, sagt er lächelnd. Dann räuspert er sich, fasst sich unmerklich an den Hals.
Gute Nacht, erwidere ich.
Der Bus kommt, hält und rauscht mit mir davon.

Sehr geehrte Fahrgäste, aufgrund von Bauarbeiten am Gleis ist zwischen den Stationen Rathaus Spandau und Rohrdamm ein Pendelverkehr eingerichtet. Wir bitten um ihr Verständnis. Dear Passengers…
Ich bin eine der ersten im Waggon. Leere Vierersitzbänke, Camouflage in rot-schwarz-grau-blau. Ich setze mich rechts ans Fenster, auf dem die Brandenburger Tore reihenweise Kopf stehen.
Sie kommen von hinten, zwei von ihnen lassen sich gemächlich auf die Zweiersitzbank vor mir fallen, der dritte nimmt schräg gegenüber Platz, das hämische Grinsen weicht ihm nicht von den Lippen. Die beiden vor mir im Partnerlook: Jogginghose, grauer Kapuzenpulli. Die anderen Passagiere scheinen keine Notiz von ihren Blicken zu nehmen, die sich in mich hineinbohren. Ich blicke zurück, aber immer nur kurz, mit aufeinandergepressten Lippen. Sie reden über mich. Es klingt nach Osteuropa, nach Kosovo, sicher bin ich mir nicht, aber sicher genug, um meine Vorurteile nicht ablegen zu können.
Ich sehe: Das Display meines Handys, den BVG-Bildschirm hinter ihren Köpfen, ihre Augen.
Sie sind hübsch, aber wie sie mich ansehen, macht sie hässlich. Ich hole mein Notizbuch hervor, einen Kugelschreiber, und beginne zu schreiben, während sie reden und lachen.
Das Porträt von Damir drückt sich nachdenklich durch das dünne Papier. Sie starren und lachen vier Stationen, bis: Paulsternstraße.

Zu später Spätsommer, denke ich, als wir zu zweit zur Krummen Lanke fahren. Die U-Bahn-Türen schließen sich zischend, drinnen ist es zu warm für Winterschuhe, Mantel und Mütze.
Am See sind Hunde mit ihren Herrchen unterwegs, Menschen, deren Gesprächsfetzen an uns vorbeifliegen. Wir sitzen auf kaltem Holz vor dem Wasser, das immer leicht in Bewegung bleibt.
Wir reden auf Englisch. Übers Schwimmen. Und über das Meer.
Ich bemerke seinen Schulterblick, als eine Familie auf Fahrrädern gemächlich an uns vorbeifährt.
Dürfen Frauen in Syrien Fahrrad fahren?
Ja, antwortet er, aber es wird nicht akzeptiert von der Gesellschaft.
Aber du findest es okay?
Er lacht. Es ist ein Sport, also wieso sollten Frauen es nicht tun?
Und Alkohol trinken?
Alkohol trinken ist für alle Moslems haram, verboten, auch wenn es viele trotzdem tun, genau wie rauchen, oder küssen vor der Ehe.
Findest du die gut, die Verbote?
Ehrlich gesagt… ja.
Warum?
Also… Rauchen ist natürlich generell nicht gut, schlecht für die Gesundheit, aber für uns Moslems nicht so haram wie Alkohol. Weil Menschen, die betrunken sind, ihren Kopf verlieren. Stell dir einen Betrunkenen vor, der betet.
Er spricht das Gebet falsch?
Ja, zum Beispiel, oder redet Unsinn.
Aber was ist mit Küssen? Wieso sollte man das nicht ausprobieren dürfen vor der Ehe?
Na ja, wenn du einmal jemanden geküsst hast, willst du es wieder tun. Und wenn du nicht vorhast, diese erste Person zu heiraten, machst du es irgendwann mit einer anderen. Aber ab dem Zeitpunkt, an dem du die Person wechselst, beginnst du, sie mit der vorigen zu vergleichen. Es ist irgendwann nicht mehr so besonders, vielleicht kannst du nicht mehr glücklich sein in einer Beziehung, weil du denkst, dass es immer noch jemand Besseren gibt.

Auf dem Rückweg kommen wir an einem namenlosen Park vorbei.
In Syrien halten sich abends Jugendliche in den Parks auf, um Verbotenes zu tun, erzählt er.
Wir lassen die Straße hinter uns, die Kiefern werfen ihre dünnen langen Schatten auf das Gras.
Damir balanciert die Welt auf seinen Händen, wo hat er das bloß gelernt. Jeder kann das lernen, antwortet er und lächelt.
Er stellt sich von einem Arm auf den anderen, während ich die Wiese mit meinen Schuhen nach Leben absuche. Sie stoßen gegen ein streitendes Feuerwanzenpärchen. Ich beobachte, wie es Tauziehen spielt.

Ich bringe dich zum Zug, schreibt er zwei Wochen später.
Ich fahre wieder bis Rathaus Spandau, aber nicht, um in den M45 Richtung Johannesstift zu steigen.
Die Zeit rauscht an mir vorbei. Endstation. Ich stehe auf. Durch die Waggontür sehe ich seinen Blick der U-Bahn folgen.
Der Weg zu den Fernzügen dauert keine zwei Minuten.
Der Zug fährt ein, als wollte er uns das Wort abschneiden. Ok, Hanna. Bis bald.
Seine Umarmung ist lang und wahrscheinlich haram, und ich frage mich, ob sie sich deshalb so gut anfühlt.