Fremdenfeindlich

Wie man fremdenfeindlich wird. Kleine Anleitung in zwei Schritten.

Erstens:
Denken Sie nicht daran, wie komplex, verworren und vielschichtig die Welt ist.
Denn das muss sie nicht sein. Verkomplizieren Sie die Dinge nicht. Keep it simple.
Zu viele neue Informationen überlasten das Gehirn. Sie können dann nicht mehr schnell und flexibel handeln.
Halten Sie sich stattdessen an das, was Sie kennen, und tun Sie, was Sie gewohnt sind.
Es ist schwer genug.

Zweitens:
Es mag Leute geben, die anders denken als Sie. Vergessen Sie die.
Die haben keine Ahnung.
Es wird sie nur sinnlos deprimieren sich ansehen zu müssen, wie dumm manche Menschen sind.
Suchen Sie sich stattdessen Freunde, die ihre Intelligenz dadurch beweisen, dass sie derselben Meinung sind wie Sie selbst, und wehren Sie gemeinsam die Angriffe jener Andersdenkenden ab, in deren Aussagen Sie immer wie ein Idiot dastehen.
So einfach.

PS: Es tut mir leid, ganz so einfach ist es natürlich doch nicht. Zu sagen, dass Sie so, und ich anders
bin, und eigentlich zu meinen, dass Sie blöd sind (und böse), und ich klug (und gut) – das ist doch Ihre Strategie.
Sie sehen, in einer Welt, die ich weder über- noch durchschaue, bin auch ich empfänglich dafür, mir genau das wenigstens hin und wieder einzubilden.
Denn wer das nicht tut, den nennt man verrückt.
Es wäre jemand, auf den die Geschehnisse ungefiltert einstürzen, für den alles gleichermaßen interessant und gleichermaßen abstoßend ist.
Es wäre eine Person ohne eigene Haltung und damit ebenso unmoralisch wie das Gegenteil.
Ein Geist, der sich auflöst, ist genauso unbrauchbar wie einer, der sich verbarrikadiert.
Glücklicherweise gibt es nicht nur »offen« und »geschlossen«, sondern auch Möglichkeiten dazwischen.

Ich und die Mehrheit scheinen allerdings permanent anfällig für vorgefertigte und abgeschlossene Urteile, weil sie in dieser Welt, die ständig mit ihrer Veränderung droht, Orientierung bieten wie der Stammplatz im Wohnzimmer.
Der Sessel ist ein Sessel ist ein Sessel ist mein Sessel und da sitze ich. Ist ein Sessel und kein Kochtopf. …
Jeder ist zu einem gewissen Grad anfällig für die eigene Bequemlichkeit, Verbohrtheit und Fremdenfeindlichkeit.
Aber wir können uns dieser Anfälligkeit bewusst sein.
Und vielleicht bringen wir es dann hin und wieder fertig, uns weniger an dem, was wir wissen, als
vielmehr an dem, was wir nicht wissen, zu orientieren. Das ist, als benutze man den Nebel als
Leitplanke. Und ja, das geht.
Und wenn dann die Sonne durch diesen Dunst bricht … legt sich ein Schimmer auf die Welt.