Reportage > Clara Lohss

Der Dschungel von Calais
Zu Gast im Flüchtlingscamp
20.09.2015

Als wir nahe der nordfranzösischen Küstenstadt Calais in den „Dschungel“ gelangen, begeben wir uns in eine andere, eigene Welt.
Die Zufahrt liegt auf dieser Seite des Camps an einer Autobahnabfahrt, in einiger Entfernung zu uns ragt ein doppelter, weißer Stacheldrahtzaun in die Höhe.
Das Camp ist durch einen Erdwall entlang der Straße von der Außenwelt abgeschirmt, aber die Grenze von einem Außen zu einem Innen verschwimmt schon deshalb, weil bereits hier auf der Zufahrtsstraße überall Männer stehen und sitzen, als würden sie auf etwas warten. Vielleicht auf die nächsten Spenden, vielleicht darauf, dass irgendetwas passiert.
Vor den ersten Zelten auf dem Erdwall spielen ein paar afrikanische Jungen Fußball. Männer sitzen auf den Bordsteinen und sehen zu, wie wir die Wagentüren unseres Sprinters öffnen. Schnell bildet sich eine Schlange von Flüchtlingen, an die wir unsere aus Deutschland mitgebrachten Spenden verteilen, Essen und Hygieneartikel. Die vielen Kleiderspenden hat unser Team bereits verteilt, einen Großteil davon in einem vierzig Kilometer entfernten Frauencamp.
Zwei englische Volontäre helfen uns bei der Spendenausgabe.
Nur wenige Frauen kommen, um sich etwas abzuholen, Kinder sehe ich hier am Eingang keine.
Nach kurzer Zeit haben wir alles verteilt, schließen den Sprinter und machen uns zu Fuß auf den Weg in das eigentliche Camp.

Hier sind weniger Menschen unterwegs. Ich fühle mich entgegen meiner ersten Bedenken nicht unwohl, ich werde nicht auffällig gemustert, sondern als Besucher akzeptiert. Schlammige Gassen führen an den selbstgebauten Zelten und Hütten der Flüchtlinge entlang immer weiter in das Innere des Camps. Ich bin beeindruckt von der beachtlichen Infrastruktur, die sich hier bereits gebildet hat. Die Menschen leben in Armut und träumen von Großbritannien, Deutschland und Schweden oder warten auf Asyl in Frankreich, und trotzdem habe ich den Eindruck, dass viele sich darauf eingestellt haben, noch länger hierzubleiben. Das Camp ist keine einfache Ansammlung von Zelten, es hat sich inzwischen als ein autonom organisiertes Dorf etabliert. Wir sehen kleine Lebensmittelläden und Lokale in offenen, fensterlosen Holzhütten und ein weißes, langes Krankenzelt. In einem anderen Teil der Siedlung gibt es eine kleine provisorische Schule, mehrere Moscheen wurden errichtet.
Eine französische Volontärin erzählte uns von dem geplanten Projekt, im Dschungel von Calais Häuser zu bauen. Flüchtlingscamps gibt es hier bereits seit 2002, aber immer wieder wurden sie von der französischen Regierung abgerissen und die Bewohner verhaftet. Das heutige Camp besteht in dieser Form seit September 2014, hat also schon einen Winter überdauert. Trotzdem bereitet mir der Gedanke an den kommenden Winter beim Anblick der Zelthäuser ein ungutes Gefühl.

Wir sehen nur einen kleinen Teil des Camps. Es ist nicht überschaubar, wir wissen nur, dass es auf der einen Seite an die Autobahn angrenzt und auf der anderen ans Meer. Seine Gesamtgröße ist schwer einzuschätzen. Angeblich soll eine Bewohnerin einen Plan angefertigt haben, mit dem man sich besser zurechtfinden kann.
Über die verschiedenen Camps verteilt, die zum Dschungel von Calais gehören, leben inzwischen ungefähr 3000 Menschen. 2014 waren Flüchtlinge aus Afghanistan prozentual am stärksten vertreten, zurzeit ist der Großteil der Flüchtlinge vom Horn von Afrika und aus dem Sudan.
Wir gehen vorbei an der Kirche, deren Dach und Fassade aus weißen Plastikplanen bestehen.
Ein Stück weiter treffen wir ein paar Sudanesen, die sich Zelte und Feuerplatz teilen. Die meisten von ihnen leben seit einem oder zwei Monaten hier, erzählen sie uns. Der älteste von ihnen ist Arzt, ein gebildeter Mann, der vorhat, nach Schweden zu gehen.
Sie bieten uns süßen Tee an, den sie über der offenen Feuerstelle am Zelt zubereiten. Während wir mit ihnen in der Abendsonne sitzen, rufe ich mir ins Gedächtnis, dass wir uns auf französischem Boden befinden. Die Sudanesen haben ihn zu ihrem Zuhause gemacht, als Übergangslösung, und doch wissen sie nicht, wie lange sie noch bleiben werden.

Nachdem wir uns von der Gruppe Sudanesen verabschiedet haben, sehe ich mir die Kirche an.
Ihre zwei kleinen, sich gegenüberliegenden Türme überragen die Zelte, sie sind nicht zu übersehen. Der Kirchhof ist von einem Wellblechzaun umgeben, an dem ein paar Männer etwas reparieren.
Ich ziehe die Schuhe am Eingang aus. Der Boden des schattigen Innenraums ist mit Teppichen ausgelegt, es gibt einen liebevoll hergerichteten Altar, und auf den Innenseiten der weißen Plastikplanenwand kleben Heiligenbilder. Ich sehe nach oben. Eine Plastikplane überdeckt den Dachstuhl aus Brettern, abgestützt von einem Mittelpfosten, mit einem großen, dunklen Holzkreuz davor.

Auf einigen Wegabschnitten des Dschungels häuft sich Abfall und Plastikmüll, der abends von Flüchtlingen verbrannt wird.
Wir kommen an einer ungeordneten Kleiderausgabe vorbei. Wieder stehen vor allem Afrikaner vor der Heckklappe eines Lastwagens und strecken rufend ihre Hände nach Jacken und Hosen aus. Von der Ladefläche des Lastwagens aus bittet uns ein Volontär um Hilfe. Während die anderen versuchen, dafür zu sorgen, dass die Flüchtlinge eine Schlange bilden, beobachte ich die Situation aus wenigen Metern Abstand. Zwei Männer sprechen mich freundlich an, fragen mich, woher ich komme und verabschieden sich nach einiger Zeit wieder, um durch das lärmende Gedränge hindurch zu verschwinden.
Nach einiger Zeit entschließen wir uns, weiter zu gehen, wieder in Richtung des Eingangs, von dem wir gekommen sind. Als wir Hunger bekommen, bestellen wir Reis und Bohnen am Verkaufsfenster eines arabischen Imbisses.
Durch den Türrahmen begegne ich den Blicken einiger Männer, die auf einer mit Teppich ausgelegten Erhöhung aus Holz sitzen, essen, Tee trinken und Shisha rauchen. Wir setzen uns auf das noch freie, breite Sofa am Eingang. Die meisten Blicke bleiben an uns hängen, hier fallen wir mehr auf als in den Gassen. Mit der Zeit entwickeln sich Gespräche, wir ziehen unsere Schuhe aus und setzen uns zu einigen Syrern auf die erhöhte Sitzfläche. Sie erzählen davon, dass sie wenig abbekommen von den Kleiderspenden, weil sie sich nur ungern in das Gedränge vor den Lastwagen begeben. Sie erzählen, dass es in den afrikanisch geprägten Vierteln des Camps oft einen Mann gibt, der das Sagen hat, dass es unter ihnen aber nicht funktionieren würde, weil jeder seinen eigenen Kopf durchsetzen wolle.

Neben mir sitzt Abdo, ein junger Syrer mit Dreitagebart und hellen Augen. Er hat in Damaskus Architektur studiert und versucht, in Frankreich Asyl zu bekommen. Wir unterhalten uns über den Islam, über die hohe Zahl an Flüchtlingen und über die Polarisierung in den Medien, die die Ängste und Sorgen vieler Einheimischer verstärkt. Abdo sagt, er verstehe jeden, der besorgt über Flüchtlinge im eigenen Land ist, das sei normal. Wären so viele Deutsche nach Syrien gekommen, wäre er auch besorgt gewesen.

Als es draußen zunehmend dunkler wird, verabschieden wir uns von den Syrern und gehen zurück zur Straße. Eine Gruppe von Männern steht um ein Feuer, es herrscht ein reges nächtliches Treiben. Ich unterhalte mich kurz mit zwei jungen Eritreern, bevor wir zum Auto zurückgehen und diese ungewöhnliche Welt wieder verlassen.

Ich empfinde eine seltsame Mischung aus Sorge und Zuversicht, wenn ich an das Camp und seine Bewohner denke. Im Dschungel von Calais herrschen eigene Regeln, es geht sicher nicht alles gerecht und friedlich zu, und doch gerechter und friedlicher als dort, von wo die Menschen geflüchtet sind. Vielleicht wird Frankreich in Zukunft mehr Flüchtlinge aufnehmen, vielleicht schaffen es einige durch den Eurotunnel nach England. Der Dschungel von Calais wird wohl noch lange bestehen. Ich weiß nicht genau, woran es liegt, vielleicht an der Offenheit und Gastfreundschaft der Menschen, vielleicht daran, dass jeder, egal, welcher Abstammung, im Camp seinen Platz zu finden scheint – Wenn man es erlebt, würde man am liebsten länger dort bleiben.